Gedanken zur Tram
Jan
26
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Donnerstag, 26. Januar 2012
Reden wir Klartext: die Tram wird nach Kehl kommen.
Und dafür gibt es gute Gründe. Auch wenn die nicht halb so lebhaft diskutiert werden, wie...
...Streckenführung; Momentan zweitrangig. Ich persönlich würde die Tram über den Läger durch die Marktstraße über den Marktplatz zur Stadthalle führen.
...kulturelle, wirtschaftliche, städtebauliche und kriminalistische Effekte der Tram; Ebenfalls zweitrangig weil nicht evaluierbar.
...Baukosten; dazu weiter unten mehr.
Ganz konkret ist es so, dass die Franzosen im Port du Rhin Viertel bis zu 16.000 Menschen ansiedeln, die absehbare Anschlussbesiedlung würde diese Zahl mittelfristig fast verdoppeln. Diese Menschen werden einen Teil, vielleicht sogar den Großteil ihrer Nachversorgung in Kehl erledigen. Sie werden hier arbeiten gehen.
Für eine solche Menschenmenge ist die Buslinie 21 nicht ausgelegt. In der Tat sind die Busse jetzt schon unter der Woche zu den kritischen Zeiten rappelvoll, und dass ohne irgendeine systematische Anbindung des Hafengebiets mit seinen Pendlern. Man kann sich leicht ausrechnen, dass man die Kapazität der Buslinie mindestens verdoppeln, eher verdreifachen müsste. D.h. die Aufwendungen für den grenzüberschreitenden Nahverkehr werden steigen müssen, wollen wir nicht unser blaues Auto-Wunder erleben. Dann reden wir sowieso über 500, eher 700.000 € Aufwand, egal ob die Linie 21 fährt, oder ein deutscher Bus.
Die Tram würde mit dieser Menschenmenge spielend fertig und würde noch genügend Kapazitätsreserven besitzen. Diese Reserven gilt es zu nutzen, damit sich die veranschlagten 900.000 € Unterhaltungskosten lohnen.
Dazu muss man die Tram füttern. Und hier entsteht ein Paradox: Verkehrsträger, die um Investitionen konkurrieren und trotzdem ohne einander nicht leben können. Gibt es keine Tram, gibt es nichts zu füttern. Gibt es kein Futter, lohnt die Tram nicht.
Hier sehe ich die Aufgabe der Grünen: OB, Rat und Verwaltung auf den Füßen stehen, damit das Verkehrsgesamtkonzept für Kehl kein Rohrkrepierer bleibt oder gar in der Versenkung verschwindet. Dieses Konzept ist essentiell und muss realisiert sein, bevor die Tram den Betrieb aufnimmt.
Was ist dazu notwendig?
- ein dichter vertakteter Busverkehr in die Ortschaften, die Gewerbegebiete sowie im Stadtbus
- ein Ausdehnen der Anbindung der Ortschaften gerade in den Abendstunden
- ein besserer Service, damit dieser Busverkehr attraktiver wird (z.B. Fahrradmitnahme, WLAN im Bus)
- eine Vertaktung, die Verspätungen auffängt
- ein Verkehrsverbund mit Straßburg, damit es z.B. ein Jobticket für Kehl+Straßburg gibt
- generell eine höhere preisliche Attraktivität
Auch dies wird Mehrkosten verursachen.
Überhaupt, die Kosten! Mein Eindruck hier ist, dass wir ein wenig unter einer schizophrenen Situation leiden.
Zum einen wird jede Ortsverwaltung bis aufs Messer verteidigt, mit dem bekannten Ergebnis, dass jedes Jahr 1,7 Millionen € oder 42 € pro Nase dafür aufgewendet werden. Zum anderen benötigen wir die Ortsverwaltungen - wenn wir ehrlich sind - nur, weil wir keine zuverlässige und bequeme ÖPNV-Anbindung der Ortschaften haben. Diese lassen wir uns nämlich nur 9 € pro Kopf kosten. Grünflächenpflege ist uns hingegen 2,5 Mio € oder 69 € pro Kopf wert.
79,975 Mio € sind im Verwaltungshaushalt, davon 0,362 Mio € ÖPNV, mit viel gutem Willen rechnen wir noch Verkehrsamt und Wirtschaftsförderung a 0,367 Mio € obendrauf. Das macht 0,9%!
Bei den Baukosten sieht es nicht anders aus. Kehl wird 10-12 Millionen € über 6 Jahre finanzieren müssen, also ca. 1,7-2 Mio € im Jahr. Und dass zu historisch einmalig niedrigen Zinsen. Die gleiche Stadt hat in den zurückliegenden Jahren (inkl. TDK) jeweils mehr als 10 Mio. € im Jahr investiert. In den letzten 10 Jahren sind weniger als 1% davon in ÖPNV-unterstützende Projekte geflossen. Die Tram würde diese Ziffer nicht mal über die 7%-Marke hieven. Im gleichen Zeitraum pumpt die Stadt immer wieder Geld in Verschönerungsaktionen von zweifelhafter Nachhaltigkeit, egal ob Kernstadt oder Ortschaften, frei nach dem guten alten Motto der Kirchturmpolitik: divide et impere.
Seit Jahren beklagen wir den schlechten ÖPNV, eben weil er 'on-the-cheap' durchgeführt wird. Wir Grüne sollten uns fragen, ob dies eine gesunde Balance ist, oder ob diese hier in den nächsten zehn Jahren nicht etwas zurechtgerückt werden muss.
Das lässt noch einen letzten Punkt offen: Identität. Ist Kehl ein Stadtteil Straßburgs? Viele Kernstädter sagen nein, die Bewohner der Ortschaften sehen sich noch nicht mal als Kehler. Machen wir einen kurzen Realitätscheck: bereits 15% aller Bürger Kehls sind Franzosen, Tendenz linear steigend. Gleichzeitig hängen 60% des Einzelhandels an französischen Kunden, ohne elsässische Arbeitnehmer stehen die Räder im Kehler Hafengebiet still. Wir sind eine Agglomeration Straßburgs, de fakto, unumkehrbar, mit Haut (Kernstadt) und Haaren (Ortschaften). Und das sage ich, als Neig'schmeckter aus der britischen Zone, ohne die offensichtliche Zungenverwandschaft von Kehlern und Straßburgern. Je eher wir das akzeptieren, desto besser können wir die gemeinsame Zukunft mit Straßburg gestalten.
Von Tag 1 ab dem Vorliegen des Angebots seitens der Stadt Straßburg hat das Tram-Projekt eine Symbolkraft entwickelt, die synonym zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit ist. Es gibt momentan kein gemeinsames Projekt, welches nicht mittelbar die Tram implizit als verbindendes Element, als Enabler mit einbezieht. Damit das möglich wurde, haben insbesondere die Straßburger Grünen einiges an politischen Kapital in die Waagschale geworfen. Zahlreiche Stadtviertel westlich Straßburgs wurden vertröstet, damit Kehl die Tram bekommen kann.
Was nur einen Schluss zulässt: man kann die Tram nicht umschicken wie ein T-Shirt beim Otto-Versand. Jedenfalls nicht ohne ernste Konsequenzen. Und deshalb wird in der Abwägung am Ende mehr für den Bau der Tram sprechen.
Grundsätzlich bin ich der Meinung, das gewählte Politiker unter Unsicherheitsbedingungen im Stande sein sollten, Risiken abzuwägen, Schlüsse zu ziehen und dann zu entscheiden. Im konkreten Fall halte ich aber die Bürger Kehls für fähig, selbst diese Entscheidung durchzuführen. Der Gemeinderat sollte deshalb seinen mündigen Bürgern den endgültigen Beschluss zum Bau der Tram den Bürgern zur Abstimmung vorlegen und aktive Überzeugungsarbeit leisten.
Wir haben im Schnitt 40% Wahlbeteiligung in Kehl, zu Bundestagswahlen etwa 50%. Tendenz fallend. Wenn überhaupt, kann nur die Tram es schaffen, diesen Trend umzukehren.
Dieser Beitrag gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Sie repräsentiert keine aktuelle Beschlusslage, weder des Ortsverbands Kehl, noch der Gemeinderatsfraktion.